Nachhaltigkeitskennzahlen: Die wichtigsten KPIs

Wer Nachhaltigkeit ernst nimmt, muss sie messen. Das klingt selbstverständlich, ist in der Praxis aber alles andere als trivial. Unternehmen stehen vor der Frage, welche Kennzahlen tatsächlich aussagekräftig sind, welche sich erheben lassen und welche am Ende wirklich zur Steuerung taugen. Denn nicht jede Zahl, die sich berechnen lässt, liefert auch echten Erkenntnisgewinn.

Warum Kennzahlen die Grundlage jeder Nachhaltigkeitsstrategie sind

Ohne Messung gibt es keine Verbesserung. Dieser Grundsatz gilt im Qualitätsmanagement seit Jahrzehnten und er gilt genauso für ESG-Themen. Ein Unternehmen, das behauptet, seinen CO2-Ausstoß zu senken, aber keine Ausgangsbasis dokumentiert hat, kann diesen Fortschritt weder intern steuern noch extern glaubwürdig kommunizieren.

Hinzu kommen regulatorische Anforderungen. Mit der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) sind ab dem Geschäftsjahr 2024 zunächst rund 50.000 Unternehmen in der EU verpflichtet, über Nachhaltigkeitskennzahlen nach einheitlichen Standards zu berichten. Wer jetzt noch keine strukturierten KPIs erhebt, gerät unter Zugzwang.

Die drei Säulen: E, S und G

Das ESG-Framework teilt Nachhaltigkeitskennzahlen in drei Bereiche auf: Environmental (Umwelt), Social (Soziales) und Governance (Unternehmensführung). Innerhalb dieser Säulen gibt es jeweils eine Reihe von Kernkennzahlen, die sich in der Praxis bewährt haben.

Environmental: Klima, Ressourcen, Abfall

Der bekannteste Umwelt-KPI ist der CO2-Fußabdruck, gemessen in Tonnen CO2-Äquivalent. Dabei unterscheidet man zwischen drei Scopes: Scope 1 erfasst direkte Emissionen aus eigenen Quellen wie Firmenfahrzeugen oder Heizungsanlagen. Scope 2 umfasst indirekte Emissionen aus dem Energiebezug, also vor allem Strom. Scope 3 ist der schwierigste Bereich und schließt alle vor- und nachgelagerten Emissionen entlang der Lieferkette ein, von der Rohstoffgewinnung bis zur Produktentsorgung beim Kunden.

Ein mittelständischer Maschinenbauer mit 500 Mitarbeitenden hat beispielsweise direkte Emissionen aus seinem Fuhrpark von vielleicht 120 Tonnen CO2 jährlich, bezieht aber Vorprodukte aus Stahlverarbeitung, die ein Vielfaches davon verursachen. Wer nur Scope 1 meldet, zeichnet ein verzerrtes Bild.

Weitere relevante Umweltkennzahlen sind der Wasserverbrauch in Kubikmetern pro Produktionseinheit, der Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtenergieverbrauch sowie das Abfallaufkommen mit Aufschlüsselung nach Verwertungsweg. Für produzierende Unternehmen kommt häufig noch der Flächenverbrauch oder der Einsatz kritischer Rohstoffe hinzu.

Social: Arbeit, Vielfalt, Lieferkette

Im sozialen Bereich stehen Kennzahlen zur Arbeitssicherheit seit Langem im Mittelpunkt. Die Lost Time Injury Rate (LTIR) misst die Zahl der Arbeitsunfälle mit Ausfalltagen je Million geleisteter Arbeitsstunden. Ein Wert von 2,5 bedeutet, dass auf eine Million Arbeitsstunden 2,5 Unfälle mit mindestens einem Ausfalltag kommen. Branchenführer liegen hier oft deutlich unter 1,0.

Daneben gewinnen Kennzahlen zur Mitarbeiterentwicklung an Bedeutung: Weiterbildungsstunden pro Kopf und Jahr, Fluktuationsrate, aber auch der Gender Pay Gap als prozentualer Unterschied zwischen den mittleren Bruttogehältern von Frauen und Männern. Letzterer wird in Deutschland durch das Entgelttransparenzgesetz für Unternehmen ab 200 Beschäftigten ohnehin relevant.

Mit dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, das seit Januar 2023 für Unternehmen ab 3.000 Mitarbeitenden gilt, rücken auch Lieferkettenkennzahlen stärker in den Fokus: Anteil der geprüften Lieferanten, Anzahl identifizierter Verstöße, Anteil abgeschlossener Korrekturmaßnahmen.

Governance: Struktur, Transparenz, Risiko

Governance-Kennzahlen sind schwerer zu quantifizieren, aber nicht weniger wichtig. Typische KPIs sind der Frauenanteil im Aufsichtsrat oder Vorstand, die Unabhängigkeitsquote im Kontrollgremium sowie die Existenz und Wirksamkeit von Compliance-Management-Systemen. Auch die Quote gemeldeter Verstöße über Whistleblower-Systeme gibt Aufschluss, allerdings eher als Indikator für Transparenzkultur als für tatsächliche Fehlerfrequenz.

Welche Standards die Auswahl der KPIs bestimmen

Die Auswahl geeigneter Kennzahlen hängt stark davon ab, welchem Berichtsrahmen ein Unternehmen folgt. Die Global Reporting Initiative (GRI) bietet den umfassendsten Katalog mit über 30 themenspezifischen Standards. Das Sustainability Accounting Standards Board (SASB) hingegen liefert branchenspezifische Sets, die für Investoren besonders relevant sind. Wer nach TCFD berichtet, fokussiert sich auf klimabezogene Finanzrisiken.

Einen guten Einstieg in die Systematik dieser Rahmenwerke und wie Unternehmen sie für ihre Berichterstattung nutzen, bietet etwa nachhaltigkeitsreport.com, wo Beispiele aus der Unternehmenspraxis und Orientierung zu aktuellen Berichtsstandards zu finden sind.

Für europäische Unternehmen werden die European Sustainability Reporting Standards (ESRS) unter der CSRD zunehmend zur Pflichtgrundlage. Sie definieren sowohl quantitative Pflichtangaben als auch eine Wesentlichkeitsanalyse, mit der Unternehmen zunächst bestimmen, welche Themen für sie tatsächlich relevant sind.

Häufige Fehler bei der KPI-Auswahl

Ein verbreiteter Fehler ist die Orientierung an dem, was sich leicht messen lässt, statt an dem, was wirklich aussagekräftig ist. Unternehmen berichten dann über Papiersparmenge oder Plastiktütenverbrauch, während ihre wesentlichen Emissionen aus der Produktion oder dem Wareneingang stammen. Das erfüllt formal eine Berichtspflicht, erzeugt aber keinerlei Steuerungswirkung.

Ein zweiter Fehler ist die fehlende Zeitreihe. Ein einzelner Jahreswert sagt wenig. Erst wenn ein Unternehmen zeigt, dass sich der spezifische Energieverbrauch innerhalb von fünf Jahren um 18 Prozent reduziert hat, wird eine Kennzahl zum Steuerungsinstrument.

Drittens fehlen häufig klare Zielwerte. Ein KPI ohne Ziel ist eine Beobachtung, kein Managementinstrument. Wer seinen CO2-Fußabdruck misst, braucht ein konkretes Reduktionsziel mit Zeitrahmen, zum Beispiel minus 40 Prozent bis 2030 gegenüber 2020, um daraus operative Maßnahmen ableiten zu können.

Ein praktisches Basisset für den Einstieg

Für Unternehmen, die noch am Anfang stehen, empfiehlt sich zunächst ein überschaubares Basisset statt eines vollständigen ESG-Dashboards. Folgende Kennzahlen decken die wichtigsten Bereiche ab und lassen sich in den meisten Organisationen mit vertretbarem Aufwand erheben:

  • CO2-Emissionen Scope 1 und 2 in Tonnen CO2-Äquivalent pro Jahr
  • Energieverbrauch in Megawattstunden, aufgeteilt nach Energieträgern
  • Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtverbrauch in Prozent
  • Abfallaufkommen in Tonnen, mit Recyclingquote
  • Unfallhäufigkeit gemessen als LTIR
  • Fluktuation in Prozent der durchschnittlichen Belegschaft
  • Weiterbildung in Stunden pro Mitarbeitenden und Jahr
  • Frauenanteil in Führungspositionen in Prozent

Dieses Set bildet eine solide Grundlage und kann schrittweise um branchen- und themenspezifische Kennzahlen erweitert werden, sobald Prozesse und Datenquellen etabliert sind.

Datenqualität entscheidet über den Nutzen

Am Ende steht und fällt die Aussagekraft jeder Nachhaltigkeitskennzahl mit der Qualität der zugrunde liegenden Daten. Viele Unternehmen unterschätzen den Aufwand für eine konsistente, prüfbare Datenerfassung. Energieverbrauchsdaten liegen oft nur als Jahresrechnungen vor, nicht monatlich oder nach Produktionsbereichen aufgeteilt. Abfallmengen werden im besten Fall von Entsorgungsdienstleistern dokumentiert, aber nicht systematisch ausgewertet.

Wer Nachhaltigkeitskennzahlen nicht nur für externe Berichte, sondern tatsächlich zur internen Steuerung nutzen will, braucht klare Verantwortlichkeiten, definierte Erhebungsmethoden und eine strukturierte Datenablage. Das ist zunächst ein organisatorischer Aufwand, zahlt sich aber aus: Unternehmen mit robusten ESG-Daten treffen bessere Investitionsentscheidungen, erkennen Risiken früher und kommunizieren glaubwürdiger gegenüber Kunden, Banken und Behörden.

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