Chemikalien im Alltag: Was steckt in Lebensmitteln?

Wer morgens sein Müsli isst und danach die Küche wischt, hat bereits Kontakt mit Dutzenden chemischer Verbindungen. Das klingt dramatischer als es ist, aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Denn zwischen „grundsätzlich unbedenklich“ und „wissenschaftlich umstritten“ liegen bei vielen Stoffen nur wenige Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht.

Lebensmittelzusatzstoffe: Die E-Nummern und was sie bedeuten

In der Europäischen Union sind derzeit rund 330 Lebensmittelzusatzstoffe zugelassen, erkennbar an der E-Nummer auf der Verpackung. Sie erfüllen technische Funktionen: Konservierung, Farbgebung, Texturverbesserung, Stabilisierung. Ohne diese Stoffe würden viele Produkte schneller verderben oder schlicht unappetitlich aussehen.

Konkret: Natriumbenzoat (E 211) verhindert Schimmel in Limonaden, Soßen und eingelegtem Gemüse. Der Stoff ist in Mengen bis zu 150 Milligramm pro Liter zugelassen. Problematisch wird es, wenn E 211 zusammen mit Ascorbinsäure (Vitamin C) vorkommt, weil dabei Benzol entstehen kann, eine krebserregende Verbindung. Verarbeitete Softdrinks sind deshalb ein Fall, bei dem ein Blick auf die Zutatenliste tatsächlich sinnvoll ist.

Nitrite in gepökeltem Fleisch wie Schinken oder Salami sind ein weiteres Beispiel. Natriumnitrit (E 250) hemmt das Wachstum von Clostridium botulinum, dem Erreger des Botulismus. Gleichzeitig können Nitrite im sauren Magenumfeld mit Eiweißen zu Nitrosaminen reagieren, von denen einige als krebserregend eingestuft sind. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat 2017 den zulässigen Tageswert für Nitrit auf 0,07 Milligramm je Kilogramm Körpergewicht gesenkt. Wer täglich 200 Gramm gepökeltes Fleisch isst, kommt diesem Wert je nach Produkt bereits recht nah.

Pestizide: Rückstände auf dem Teller

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) veröffentlicht jährlich Daten zu Pestizidgehalten in Lebensmitteln. Im jüngsten Bericht wurden bei rund 43 Prozent der untersuchten Proben aus konventionellem Anbau Rückstände gefunden, die zwar unterhalb der gesetzlichen Höchstgehalte lagen, aber nachweisbar waren. Bei Erdbeeren, Paprika und Tafeltrauben sind die Werte traditionell am höchsten.

Besonderes Augenmerk gilt den sogenannten Cocktaileffekten: Wie wirken mehrere Pestizide gleichzeitig im Körper? Die Toxikologie bewertet Stoffe bislang meist einzeln. Kombinationseffekte sind schwerer zu messen, aber wissenschaftlich nicht von der Hand zu weisen. Waschenzeiten von mindestens 30 Sekunden unter fließendem Wasser reduzieren wasserlösliche Rückstände auf der Schale deutlich, fettlösliche wie Cypermethrin bleiben jedoch auch nach dem Waschen erhalten.

Was Reinigungsmittel tatsächlich enthalten

Allzweckreiniger, Scheuermilch, Glasreiniger: Die meisten Haushalte lagern zwischen acht und zwölf verschiedene Reinigungsprodukte. Laut EU-Detergenzienverordnung müssen Hersteller alle Inhaltsstoffe ab einer Konzentration von 0,2 Prozent auf der Verpackung angeben. Zusätzlich sind seit 2021 vollständige Inhaltsstofflisten über online abrufbare Datenbanken zugänglich.

Wer sich für die chemischen Grundlagen dieser Verbindungen interessiert, findet fundierte Erklärungen zu den Stoffklassen im Bereich der Organische Chemie, denn viele Tensid- und Lösungsmittelgruppen lassen sich dort genau einordnen. Das hilft beim Verständnis, warum bestimmte Stoffe bestimmte Materialien angreifen oder Haut reizen können.

Nichtionische Tenside wie Alkylpolyglucoside gelten als gut biologisch abbaubar und hautverträglich. Dagegen stehen Stoffe wie 2-Butoxyethanol, ein Lösungsmittel in manchen Glasreinigern, das bei längerer Exposition über die Haut aufgenommen werden kann und in hohen Dosen die roten Blutkörperchen schädigt. In Verbraucherprodukten liegt die Konzentration meist weit unter kritischen Werten, aber in schlecht belüfteten Badezimmern summiert sich die Exposition über Jahre.

Duftstoffe und Konservierungsmittel in Reinigern

Ein unterschätztes Thema sind die 26 Duftstoffe, die laut EU-Kosmetikverordnung auf Verpackungen deklariert werden müssen, weil sie häufig Allergien auslösen. Diese Pflicht gilt für Kosmetika, nicht aber einheitlich für Reinigungsmittel. Linalool und Limonene, zwei weit verbreitete Duftstoffe, reagieren an der Luft zu Oxidationsprodukten, die deutlich stärker allergen sind als die Ausgangsstoffe selbst. Ein frischer Zitrusduft im Allzweckreiniger ist also nicht zwangsläufig ein Zeichen für Milde.

Methylisothiazolinon (MIT) ist ein Konservierungsmittel, das in den 2010er-Jahren durch hohe Konzentrationen in Feuchttüchern und Wandfarben Kontaktallergien in Massen ausgelöst hat. Die EU hat MIT in Kosmetika, die auf der Haut verbleiben, inzwischen verboten. In Reinigungsmitteln ist es weiterhin in bestimmten Mengen erlaubt. Auf Produkten, die nach dem Auftragen nicht vollständig abgespült werden, wie Oberflächensprays auf Küchenarbeitsplatten, sollte man auf diesen Stoff achten.

Praktische Orientierung im Alltag

Aus den genannten Punkten lassen sich einige konkrete Schlüsse ziehen, ohne in Panikmodus zu verfallen:

  • Zutatenlisten lesen: E 211 zusammen mit Ascorbinsäure meiden, besonders in Getränken für Kinder.
  • Gepökeltes Fleisch begrenzen: Die WHO empfiehlt, verarbeitetes Fleisch auf unter 50 Gramm täglich zu reduzieren.
  • Obst und Gemüse gründlich waschen: Vor allem Produkte aus konventionellem Anbau, die zu den Hochrückstandskulturen gehören.
  • Räume beim Putzen lüften: Flüchtige organische Verbindungen aus Reinigern bauen sich an der Luft ab, was die Innenraumkonzentration senkt.
  • Auf Datenbanken zurückgreifen: Die Codecheck-App oder das INCI-Decoder-Tool zeigen Inhaltsstoffe von Reinigungs- und Körperpflegeprodukten transparent an.

Grenzwerte sind keine Freifahrtscheine

Grenzwerte basieren auf dem akzeptierten täglichen Einnahmewert (ADI), der meist mit einem Sicherheitsfaktor von 100 unter dem beobachteten Wirkungslevel liegt. Das klingt komfortabel, gilt aber für Erwachsene mit einem Standardgewicht von 60 oder 70 Kilogramm. Kinder nehmen relativ zu ihrer Körpermasse mehr auf. Wer drei verschiedene Quellen eines Stoffes täglich nutzt, also zum Beispiel ein konserviertes Fertiggericht, ein aromatisiertes Joghurt und einen Fruchtsaft, kann trotz „legaler“ Mengen am Ende die Gesamtaufnahme überschreiten.

Die Regulierung in Europa gehört weltweit zu den strengsten, aber sie hat Lücken: Cocktaileffekte bei Pestiziden, fehlende Deklarationspflicht für Duftstoffe in Reinigern, und der langsame Anpassungsprozess bei neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Informierte Verbraucher, die wissen worauf sie achten, haben gegenüber diesen Lücken den größten Handlungsspielraum.

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